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Vortrag von Dr. Lisa Hasenbein, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Hector – Institut für Empirische Bildungsforschung der Universität Tübingen vom 25.3.2022

Die Schülerinnen und Schüler des sozialwissenschaftlichen Gymnasiums der Walther-Groz-Schule erhielten am 25. März bei einer besonderen Veranstaltung nicht nur Einblick in die praktische Forschungsarbeit, sondern konnten sich auch über Studium und berufliche Möglichkeiten in Wissenschaft und Forschung informieren. Dr. Lisa Hasenbein, die an der Universität Tübingen im Bereich der empirischen Bildungsforschung tätig ist, stellte den Schülerinnen und Schülern ihre Forschungsarbeit vor, welche im Rahmen ihrer Doktorarbeit entstand. Dabei veranschaulichte sie wesentliche Unterrichtsinhalte und zeigte an einem schülernahen Thema, wie Grundlagenforschung in der Psychologie betrieben wird.



Ihre Studie kurz zusammengefasst:

Soziale Vergleiche im Klassenzimmer: Der große Fisch im kleinen Teich?

In verschiedenen Studien wurde gezeigt, dass es stark von der durchschnittlichen Leistung in der Klasse abhängt, wie eine Schülerin oder ein Schüler die eigenen Fähigkeiten in verschiedenen Schulfächern einschätzt. Ein und dasselbe Kind wird also in einer starken Klasse mit einiger Wahrscheinlichkeit die eigenen Fähigkeiten als weniger gut einschätzen, als wenn es in einer leistungsschwachen Schulklasse lernt. Weil sich diese Schülerinnen und Schüler in schwachen Klassen wie große Fische im kleinen Teich fühlen, wurde das Phänomen Big-Fish-Little-Pond-Effekt genannt.

(
https://lead.schule/blog/grosser-fisch-im-kleinen-teich-der-big-fish-little-pond-effekt/)


Lisa Hasenbein und Kolleginnen und Kollegen (Hasenbein, L. (2021). Doctoral Dissertation. http://dx.doi.org/10.15496/publikation-63205) untersuchten, ob dieser Effekt darauf zurückzuführen ist, dass Schülerinnen und Schüler sich während des Unterrichts aktiv mit ihrer Klasse vergleichen, indem sie vom Verhalten der Klassenkameradinnen und Klassenkameraden auf deren Leistung schließen. Die Vermutung der Forschenden: Schülerinnen und Schüler schätzen ihre eigenen Fähigkeiten als weniger gut ein, je mehr Mitschülerinnen und Mitschüler ein leistungsstarkes Verhalten zeigen, also die Schulklasse insgesamt leistungsstärker wahrgenommen wird. Der Vergleich einer solchen Klasse sollte sich bei den Schülerinnen und Schülern dann negativ auf die Einschätzung der eigenen Fähigkeiten auswirken. Eine Schulklasse, in der nur wenige Mitschülerinnen und Mitschüler leistungsstarkes Verhalten zeigen, sollte diesen Effekt dagegen weniger stark auslösen. Um diese Vermutungen zu überprüfen, führten Lisa Hasenbein und Kolleginnen und Kollegen ein Experiment in einem Virtual Reality (VR)-Klassenzimmer durch, in dem sich unterschiedlich viele Mitschülerinnen und Mitschüler leistungsstark verhielten, indem sie sich aktiv meldeten und Fragen der Lehrkraft richtig beantworteten.

381 Schülerinnen und Schüler der 6. Klasse (178 weiblich) mit einem Durchschnittsalter von 11,5 Jahren wurden per Zufall in vier Gruppen aufgeteilt. Jede Gruppe erlebte eine Unterrichtseinheit in einem VR-Klassenzimmer, in dem sich ein bestimmter Anteil der Klassenkameradinnen und Klassenkameraden meldeten und Fragen der Lehrkraft richtig beantworteten. In Gruppe 1 betrug dieser Anteil 20% und steigerte sich in den anderen Gruppen über 35% und 65% auf 80% sich meldende Klassenkameradinnen und -kameraden. Außerdem sollten die Schülerinnen und Schüler Aufgaben bearbeiten. Anschließend wurden sie mit einem Fragebogen befragt, wie gut sie ihre eigenen Fähigkeiten in dem Thema des VR-Unterrichts einschätzen.

Es zeigte sich, dass die Teilnehmenden tatsächlich das Leistungsniveau der Klasse anhand der Meldungen einschätzen – und somit bestätigte sich die Annahme der Forschenden. Ebenso schätzen Teilnehmende, die in einer Klasse mit 80% sich meldenden Mitschülerinnen und Mitschülern waren (Gruppe 4), ihre eigenen Fähigkeiten im VR-Unterricht als weniger gut ein als Teilnehmende, bei denen sich nur 20% der Mitschülerinnen und Mitschüler meldeten (Gruppe 1).

Vielen Dank an Frau Dr. Hasenbein für den sehr informativen Vortrag und den vielfältigen Einblick in die Tätigkeitsbereiche von Forschenden an der Universität.